366 Seiten zu füllen

Ein neues Jahr. 366 Tage. 366 Seiten zu füllen. Erinnerungen zu machen.

Starbucks

 

Ich liege im Bett. Die andere Seite ist kalt. Aber ich war nicht allein. Der Duft von Rührei und warmen Brötchen schleicht sich ins Zimmer. Licht strahlt durch die Ritze des vorgezogenen Vorhangs. Ich ziehe die Bettdecke zurück und tapse vorsichtig mit einem Fuß auf den Holzboden. Er fühlt sich warm an. In der Küche angekommen schaut sie mich überrascht an Schlaf ruhig weiter, ich bereite erst mal alles vor, lächelt sie. Ich ziehe mein Pulli ein wenig höher und kuschel mich auf das Schaffell, das auf dem braunen Stuhl liegt. Quatsch, ich bin topfit. Als ich sie ansehe, wie sie den Tisch deckt, muss ich lächeln. Eine Freundin. Eine sehr gute Freundin, die mit mir Silvester feiern wollte. Die mit mir das neue Jahr beginnen wollte. Ich erinner mich dran, wie ich sie die Nacht vorher in den Armen hielt, als die Uhr Mitternacht schlug. Sie war überwältigt. Zu viele Emotionen. Gedanken. Zu viel ist passiert. Nun sitzt sie da, ist wieder wie immer. Als wäre nichts anders. Hätte sich nichts verändert. Nur Ein neues Jahr. 366 Tage. 366 Seiten zu füllen. Erinnerungen zu machen. Hast du Lust auf einen Spaziergang nachher an der Alster, reißt sie mich aus meinen Gedanken. Ich nicke lächelnd, während sie den Tee vor mir abstellt. Na klar – gute Vorsätze und so.

Aber was sind schon gute Vorsätze? Wieso nehmen sich Menschen jedes Jahr aufs neue Dinge vor, und setzen diese dann im Endeffekt aber doch nicht um? Wir brauchen einen neuen 1. des Monats. Einen Montag. Den Sommer. Anreize. Warum? Sind wir zu sehr in unserem Trott verfallen? Motivationslos? Energielos? Wieso brauchen wir immer einen bestimmten Tag, ein bestimmtes Datum, um uns zu ändern? Wieso schreiben wir dann to-do Listen, für 12 Monate, diesmal für 366 Tage?
Es scheint, als bräuchten wir das. Ohne Grund. Dass wir dann die Motivation haben. Oder dass uns der Kalender einfach einen Schrecken einhaucht. Uns zeigt, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist. 12 Monate, die im Nachhinein wie ein Film im Schnelldurchlauf an uns vorbei zogen. Aber anstatt für das neue Jahr neue Vorsätze aufzuschreiben, am 01.01. früh ins Sportstudio zu gehen oder einfach das Haus zu putzen und auszumisten, könnten wir doch einfach anfangen, wahrzunehmen, was wir erreicht haben. Uns in Erinnerung zu rufen, was das vergangene Jahr mit uns gemacht hat. Und offenbart und geboten hat. Die Vergangenheit wertschätzen und den Tag genießen. Wieso perfekt sein – wenn es auch ein angenehmer entspannter Tag sein kann, mit den liebsten? Wem wollen wir hier überhaupt etwas beweisen?

 

Wunderkerzen

Wollen wir gleich umdrehen, fragt sie während mir die Kälte fast den Atem raubt. Und es fühlt sich gut an. Frei. Aber warum? Wir können doch runter in die Stadt, etwas trinken und dann zurück. Genießen. Mit den Liebsten. Unperfekt, aber perfekter denn jeh. Raus aus dem Zwang, mithalten zu müssen. Raus aus dem Zwang, der Gesellschaft etwas beweisen zu wollen. Einfach leben.

 

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