In der Kirche… 

Ich suche den Weg in die Kirche, die sich mitten in der Stadt befindet. Erschöpft lasse ich mich auf einer der Bänke nieder. Und fühle mich allein. Doch das bin ich nicht, um mich herum sind Menschen. Menschen, die trauern. Beten. Auf Spanisch reden. Das Hupen der Autos draußen ist zu hören, doch es wirkt alles still. Vor allem mein Inneres ist still. Zu viele Eindrücke, eine wahrhaftige Reizüberflutung. 

Es ist kalt, in der Kirche. Ein frischer Wind sucht seinen Weg durch die Bänke, lässt meine Haut eiskalt frieren. Die Sonne dringt durch die Fenster und lässt die Kirche in einem warmen Licht erstrahlen. Der Wind treibt weiterhin sein Unwesen,ich weiß nichtmal woher er kommt. Die Kälte unterstreicht die Stille auf eine melancholische Art und Weise.  


Und ich sitze einfach nur da, in dieser Kirche, mitten in dem riesigen La Paz. Ich schaffe es nicht, nachzudenken. Das ganze hier zu reflektieren. Sitze nur da, mit einer riesigen Leere im Kopf. Der Kontrast, der sich mir hier zeigt, ist verrückt. Zu viel. Ich probiere, das ganze zu verstehen, zu hinterfragen, um heraus zu finden, ob das hier das ist, was ich wollte. 


Ich realisiere das nicht, dass ich bald weg bin. Für so lange. So. Weit. Weg. Hallt es in meinem Kopf. Ich auch nicht, für mich ist es einfach so, als würdest du wieder nach Bremen fahren. Erwidert eine vertraute Stimme. 
Südamerika. Andere Kulturen, andere Weisheiten, andere Lebensweisen. Die Menschen hier leben anders. Haben viel weniger. Ich frage mich, ob sie glücklicher sind, als wir – in der westlichen Welt. Viele Leben davon, dass wir in ihre Privatsphäre eindringen, Sie uns einen Teil ihrer Kultur zeigen, uns teilhaben lassen. Macht das glücklich? Ich habe ihn nicht gefragt, hätte es aber tun sollen. Fühle mich schlecht, weil ich doch interessiert war, und doch nichts gekauft habe. In diesem Haus. Obwohl es nicht mal ein richtiges Haus ist. Ich stand nur da und hörte zu. Lächelnd schüttelte ich den Kopf, als er fragte, ob ich nicht einen Teppich kaufen wollte. Oder eine Tasche. Nichtmal ein Trinkgeld habe ich gegeben, hatte nichts klein. Doch klein in dieser Währung ist für uns einfach nichts mehr als peanuts… Und ich habe es nicht getan. Ich studiere Tourismus, und mir sollte bewusst sein, was es bedeutet, davon abhängig zu sein… Und doch war ich nicht bereit. 
Realisieren kann ich das Ganze hier nicht. Noch nicht. Es fühlt sich alles so unwirklich an, als wäre ich nicht in der Realität. Es ist so anders als das was ich gewohnt bin. 10 Tage in dieser Welt, und ich bin zu verschlossen. Nicht offen gegenüber dem, was passiert. Vielleicht bin ich noch nicht bereit. 


„Schreib alles auf. Das, was du fühlst, was du empfindest. Dann kannst du, wenn du mal wieder alles für selbstverständlich hältst, darauf zurück gucken und merken – es ist nicht überall so.“ 
Bevor ich vor der Lautstärke und den Eindrücken in die Kirche flüchtete, bin ich mit einer Seilbahn auf die umgebenen Berge von La Paz hochgefahren. Oben angekommen kaufte ich mir ein Getränk (600ml), und bestaunte, wie riesig diese Stadt ist. Wie sich die Häuser vom Tal in die Berge hinauf ziehen, Millionen von Häusern. Je höher wir mit der Seilbahn kamen, desto ärmer sahen die Gegenden aus. Frauen waschen Wäsche auf dem Dach, in der Hitze, mit den Händen. In großen Eimern. Unfertige Gebäude, kaputte Straßen zieren das Stadtbild. Ich zahle für den Ausflug und das Getränk keine 2€. Und dort sitzen diese Frauen, in der heißen Sonne, die bei den Höhenmetern noch stärker ist. Und waschen Wäsche. Per. Hand. 
Vermisse ich Europa? Deutschland? Bremen? Butjadingen? Natürlich. Denn ich habe mich noch nicht gewöhnt. Noch nicht realisiert, wie gut wir es haben. La Paz wirkt wie ein riesiger Markt, der sich durch die Straßen zieht. Ich habe noch nicht einmal einen Supermarkt gesehen. Während bei uns der „Markt“ ein Ort ist, an dem regionale Produkte verkauft werden, die meist teurer sind als die im Supermarkt, aber auch besser schmecken, sind die Preise hier auf den Märkten unterirdisch. Doch für die Menschen hier zählt jeder Boliviano, den sie einnehmen. Jedes Teil, dass sie verkaufen. Bananen kosten auch mal nur 6 Cent. Eine Banane. Eine. Einzige. Banane. Und ich rege mich auf, dass der Taxifahrer mir einen sol zu viel abgezogen hat…


Dazu lernen. Sich öffnen, zulassen. Das ist mein Ziel. Zu verstehen, wie die Menschen hier ihr Leben führen. Wie sie damit zurecht kommen, mit dem, was sie haben. Ich möchte weg kommen, von den Gedanken, dass alles so einfach ist. So selbstverständlich. Ich möchte schätzen lernen, verstehen und akzeptieren, dass nicht alles selbstverständlich ist. Wie das Leben, was ich in Deutschland geführt habe. 
Mittlerweile ist es wärmer geworden, in der Kirche. Doch der Lärm von draußen dringt hinein. Bewusst genieße ich die Atmosphäre – den letzten Rest der Stille – hier drinnen für weitere Minuten. Nehme alles wahr. Sauge auf. Und probiere, mich zu öffnen. Zu akzeptieren. 

7 Kommentare

  1. Meine Güte hab Bilder im Kopf ! Kann mir alles so gut vorstellen! Du schreibst echt gut !

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  2. […] Ich kaufe mir fast jeden Morgen Mangos. Sie sind so günstig hier, da kann man in Deutschland nur von träumen. Keinen Euro zahle ich für ein Kilogramm. Und oft mache ich mir einen Obstsalat, mit Bananen, Pfirsichen und Erdbeeren. Gesund, und viel zu lecker… Wie gerne würde ich los, und der Familie ein paar Früchte kaufen. Ich habe der Frau vielleicht nur einen Euro in die Hand gelegt. Und weiß, es ist nicht genug. Und dabei sind Früchte so günstig hier.. eine Banane kostet manchmal 6 Cent….  […]

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