Graustufen. 

…im ersten Semester meines Tourismusstudiums wollte ich alles hinschmeißen und Fotojournalismus in Hannover studieren. Ich hatte einen Termin, dass sich jemand meine Arbeiten anguckt, hatte Ideen – was ich den Menschen dort zeigen wollte. Ich wollte Geschichten erzählen, von einem anderem Leben. Und bewusst machen, dass es nicht alles so perfekt ist, wie es scheint. Dass es andere Welten gibt auf der Erde, die nicht so privilegiert leben wie wir. Obwohl ich diese, wie mir jetzt bewusst wird, damals noch gar nicht kannte. 


Nun fange ich bald das 5. Semester an, mein Auslandssemester in Lima. Tourismus, natürlich. Ich bin dabei geblieben, habe meine Arbeiten nicht angefertigt, sie nicht gezeigt. Warum ich den Gedanken verworfen habe, kann ich heute gar nicht mehr sagen. Aber ich weiß dafür seit kurzem umso mehr, dass ich das verbinden möchte. Tourismus und die Fotografie.Meine beiden Leidenschaften… Es sind doch meine Leidenschaften, oder? 


Nachdem meine Reise von Arequipa über Puno und Copacabana nach La Paz ging, fühlte ich mich dort zuerst gar nicht wohl. Ich war überfordert. Im letzten Blogpost erzählte ich von meinen Gedanken, schrieb die Verwirrung in meinem Inneren nieder. Dies geschah tatsächlich in der Kirche, die mitten in der Stadt steht. Ich wusste nicht wohin mit meinen Eindrücken und Emotionen, und die Finger huschten über die Tastatur meines iPhones, ungezwungen. Ich schrieb einfach, was in mir vorging, obwohl mein Kopf eine Leere beinhaltete.
An dem Abend ging ich zurück ins Hostel, total erschöpft. Müde und mit einem komischen Gefühl im Magen. Das Hostel war ein guter Ort, um einfach mal durchzuatmen, nach dem Tag. So setzte ich mich in das wunderbare Patio und las Blogs. Leichte Lektüren..


Manchmal, wenn man sich verloren fühlt, dann kommen die richtigen Menschen in dein Leben. Sie begleiten dich eventuell nur für den Moment, oder mal ein paar Tage.. Sie helfen dir, die Welt – der Ort an dem du dich aufhältst – durch andere Augen wahrzunehmen. Mehr zu entdecken. Zu verstehen. Dir wird bewusst, dass es mehr gibt, als das was du bis jetzt wahrgenommen hast. Entdeckt hast. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß, es gibt auch viele Graustufen dazwischen. Und so erzähltest du mir, dass ich die anderen Ecken auch sehen muss, damit ich verstehe, wie La Paz ist. Ich hielt mich in den falschen Gegenden auf. Hörte auf die falschen Leute. War nicht bereit, rechts statt links zu laufen. Mich zu verlaufen. 


Und so hatte ich die Aufgabe, Bilder zu machen. Von den Orten, die du mir so bildlich beschriebst. Ich möchte, dass du den Kontrast siehst, den die Stadt bietet. Dass du verstehst, dass La Paz magisch ist. Und das ist es. Ich sah die Armut (wie schon die Tage davor), doch du zeigtest mir die Orte des Reichtums. Wellblechdächer, Frauen – die die Wäsche mit der Hand waschen, und dann Villen, Seilbahnen, die über der Stadt hin und her schweben…. Gassen, nein Straßen, überfüllt mit Menschen, die Sachen verkaufen, einen schon fast bedrängen, oder betteln, und dann die magische Calle Jéan, der Plaza de España… 


Ich fing an, die Stadt mit anderen Augen zu sehen, zu verstehen, dass es mehr gibt – als schwarz und weiß. Ich verstand, dass ich zu schnell geurteilt habe. Zu schnell in Schubladen steckte. Doch an diesen Tagen der Neuentdeckung merkte ich trotzdem wieder, wie krass das Leben hier ist. Die Armut ist präsent. Mädchen tanzen auf der Straße, um ein paar Bolivianos zu verdienen. Mädchen, die nicht älter sind als mein 6 Jahre alter Neffe. Und es bricht mir das Herz. 


Ich könnte euch hier von meinem Tag erzählen, ganz sachlich. Heute bin ich 4 Stunden durch die Stadt gelaufen. Habe mir Äpfel und Bananen gekauft, einen schönen Poncho und eine Fanta, die anders schmeckt als die in Deutschland. Aber das kann ich nicht. Nicht, wenn das Leben hier mich Erfahrungen lehrt, die ich in Deutschland (noch) nicht habe sammeln können. Ich möchte euch bewusst machen, und daran teilhaben lassen, dass wir es gut haben, in Deutschland. Ich möchte euch zeigen, wie das Leben sein kann, wie Armut aussehen kann. Bewusster sollten wir leben, und einfach mehr das schätzen, was wir haben. Und irgendwie probiere ich, durch meine Texte auszudrücken, was die Fotos nicht beschreiben, und durch die Fotos das zu zeigen, was die Texte nicht vermitteln. Die Kombination aus Fotos und Text. Fotojournalismus?! 


Aber am meisten tue ich das für mich. Ich halte fest, was ich vielleicht bald wieder verdränge. Vergesse. Damit ich mich immer wieder dran erinnern kann, dass wir es gut haben. Dass ich das schätzen soll, was Deutschland, oder Europa, mir bietet. Damit ich mich auf den Boden der Tatsachen zurück hole, wenn die kleinen Luxusprobleme mal wieder überhand nehmen. 

Ich sage hiermit nicht, dass die Luxusprobleme überflüssig und bescheuert und unnütz sind. Denn auch ich würde mich ärgern, wenn mein Kakao falsch zubereitet ist. Und ich möchte das nicht pauschalisieren, dass wir – in der westlichen Welt – uns nicht auch über die kleinen Dinge mal ärgern dürfen, die im Vergleich so nichtig scheinen. Ich möchte nur, dass wir bewusst das schätzen, was wir haben, und bewusst darüber nachdenken, bevor wir uns an etwas stören. Irgendwie so. Irgendwie kann ich es anders einfach nicht ausdrücken, doch ich hoffe sehr, dass ihr versteht was ich meine. 


(Ich habe bei dem Fotos darauf geachtet, dass man keine Menschen erkennen kann. Sie sollen meine Worte unterstützen.) 

Ein Kommentar

  1. Ja manchmal denken wir zu sehr nur an uns selbst und vergessen, das andere ganz andere Probleme haben. Wie nichtig sind dann unsere Sorgen, von wegen kaufe ich mir eine neue Schrankwand oder lass ich die alte hier noch stehen……..

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