Perú

Und überall nur Sand.. 

Die Lichter haben aufgehört zu leuchten, die Musik spielt nicht mehr. Der Ventilator an der Decke dreht seine letzte Runde, bevor er verstummt. Kalte Getränke gibt es in dieser Hitze nicht mehr. Die Eisverkäufer machen den Verdienst ihres Lebens, denn ihre mit Batterie betriebenen Wagen sorgen dafür, dass das Eis die einzige Erfrischung in dieser Wüste ist. Sie düsen durch die staubigen Gassen des Ortes und sorgen für Lächeln in den Gesichtern der Reisenden..

Überall nur Sand. Mitten in der Wüste befindet sich eine Oase. Sie zaubert einen Fleck grüne Farbe in die beige Landschaft. Die Dünen reichen so weit, wie das Auge schauen kann. Am Horizont, kurz bevor der Himmel die Erde trifft, lässt sich eine Stadt erahnen. Weiter, schneller, höher, schreit es in uns. Wir erklimmen den schmalen Grat. Mit jedem Schritt hinauf fühlen wir uns kleiner, fast nichtig. Die Sonne senkt sich langsam dem Horizont entgegen, während wir die nackten Füße in den warmen Untergrund graben. Eine frische Brise weht umher, scheucht die Sandkörner tanzend durch die Gegend. Und während die Sonne immer tiefer sinkt und der Wüste einen goldenen Schimmer verleiht, werden die Gespräche die wir führen tiefgründiger, das Lachen heller und unsere Herzen wirken leichter. Befreit. 


Wir sind nur ein kleiner Fleck in dieser unendlich großen Welt. Minimal, fast unbedeutend. Doch wir gehören hier her, genau wie jedes einzelne Sandkorn. Diese endlose, unentdeckte Landschaft, sie nimmt uns auf, ohne zu fragen. Wir sind wie Fremde, und doch so vertraut. Doch diese Welt hat noch so viel mehr zu bieten, hallt eine Stimme in mir. Es gibt so viel mehr zu sehen. Ich schüttle mich, die Haare voller Sand, das Gesicht in Richtung der letzten wärmenden Strahlen der Sonne, und muss lächeln. Wir sind gerade hier, und das ist alles, was zählt.


Wir stehen auf, laufen weiter. Ich schaue in eure goldenen Gesichter, und weiß, wir fühlen das gleiche. Weiter, schneller, höher, treibt es uns. Um zu genießen. Wir haben geschrien und gelacht, gekreischt und uns gefreut. So fühlt sich frei sein an, ruft sie mir entgegen, während wir voller Freude die Düne hinunter rennen, und dabei nicht an den Weg zurück hinauf denken. Das ist es, Freiheit. Ein kleiner Fleck in dieser großen weiten Welt, der uns das Gefühl gibt, genau am richtigen Ort zu sein, hier gehören wir hin. Ganz weit weg von dem, was so groß und wichtig erscheint. Einfach nur mit den Füßen im warmen Sand, dem Lächeln im Gesicht.
Und dann lausche ich einem Gespräch und muss mich mal wieder daran erinnern, dass das hier Realität ist. Dass wir am anderen Ende der Welt sind, alleine und doch gemeinsam. 


Und manchmal, da gibt das Leben einem keine Gelegenheit, viel über den Nächsten Schritt nach zu denken. Da springt man auf, legt sich auf das Board, und wird einfach los geschubst. Kreischend düst man die Düne hinunter, realisiert in dem Moment vielleicht gar nicht, wo die Fahrt hingeht. Man nimmt die Umgebung nicht wahr, merkt nicht, mit was für einer Geschwindigkeit das eigenen Leben gerade verläuft. Die Narben, die das Leben auf uns zeichnet,  tragen wir durch abgeschürfte Haut und Sand in jeder Pore mit uns. Und doch drehen wir uns um und bestaunen stolz den Weg, den wir hinter uns gelassen haben.. Die Steigung, die wir hinunter gerast sind. Schnell. Zu schnell. Es ist schon vorbei, und wir nehmen uns vor, das nächste mal mehr acht zu geben. Aufzupassen. Bewusst wahrzunehmen. Ehe wir uns versehen, stehen wir an der nächsten Klippe, dem nächsten Abhang und schauen auf das Ungewisse. Diesmal soll es höher, schneller und weiter gehen. Einen Augenblick später liegen wir wieder auf dem Board, die Arme unter der Brust die Beine weit auseinander und stürzen kopfüber los. Heb die Beine hoch, höre ich sie schreien. Und genieße den Moment. Wind in den Haaren, eine Ladung Sand im Gesicht. Es fühlt sich gut an, das Leben.


Ich habe viel darüber geschrieben, wie schwer manche Tage hier waren, was für einen Kampf ich in mir drin lebte. Doch gerade ist einfach alles gut. Die Sorgen sind irgendwo dort, wo der Himmel die Erde berührt. Denn gerade zählt das hier und jetzt. Bewusst. .
Mit schmutzigen Fingernägeln und einem entspannten Inneren fahren wir den Weg zurück in die Realität, nehmen Abschied während der goldenen Stunde und Bahnen unseren Weg zurück ins große graue Lima, das uns bald hoffentlich genau so schöne Erinnerungen beschert.

Perú

Vom Ankommen. 

Ich bin verwirrt. Worüber schreibe ich als erstes? Ich komme nicht hinterher. Zu viele Gedanken, zu wenig Zeit. Ich schaffe es nicht, sie aufzuschreiben. Zu verarbeiten. Ich sehne mich nach der Kirche, dem Fleckchen Ruhe. Nach der Stille, die ich dort in mir fand. Doch nun sitze ich in meinem Zimmer, in einer 10 Millionen Stadt, die wilder, chaotischer und verrückter nicht sein könnte. Neben mir steht ein Kakao, Nesquick. Doch er schmeckt nicht richtig. Nicht, wie er schmecken sollte.  Ich weiß, dass meine Nichte ihn auch als nicht richtig bezeichnen würde.. Ich vermisse euch.



Mir entfallen Dinge, die ich mir hätte aufschreiben sollen. Ich versuche mich an sie zu erinnern. Doch mir wird bewusst, Erinnerungen sind vergänglich. Schreib alles auf, hatte er gesagt. Und ich war mir sicher, dass ich das machen würde. Konsequent.

Ich bin im Park und laufe los. Bin nicht alleine, denn es sind viele Menschen hier unterwegs. Doch ich bin verwirrt. Sie laufen rechts, links. Nebeneinander. Und ich quetsche mich durch die Mitte. Drehe mich im Kreis, laufe im Kreis. Mir wird schwindelig. Und ich verstehe es nicht. Die Stadt hat ihre eigenen Regeln, die ich noch lernen muss. Überall stehen Menschen, mit ihren Handys. Mitten im Park. In der Natur. Doch das Chaos ist da, der Lärm der Autos nicht zu Überhören. Sie hupen wie wild, schneiden sich gegenseitig die Fahrbahn ab. Lauter, schneller, weiter. Und ich suche doch Entschleunigung…  Mir kommen ständig Leute entgegen, muss ausweichen. Mich lächelnd an ihnen vorbei quetschen. Und ich merke plötzlich, ich laufe in die falsche Richtung. Gegen den Strom. Anhalten. Umdrehen, und sich in den Zirkel einordnen. Nun fallen mir auch die Makierungen auf, die auf dem Boden gezeichnet sind. Sie zeigen mit meinen Fortschritt, begleiten jeden meiner Schritte. Ich muss lächeln, und gehöre aufeinmal dazu. Zu den Läufern, den Walkern, den Menschen, die mit ihrem Hund Gassi gehen. Nur die Leute, die einfach herum stehen, ohne sich zu betätigen, die verstehe ich nicht.. Spielen die etwa Pokémon?! (JA, TUN SIE!)

Alle reden über Gut-Health, darüber, dass man sich wohlfühlen soll. Ich wohne hier in einem guten Stadtteil, in einem großen Haus, mit Garten und Palmen. Der Park ist direkt nebenan. Der Weg zum Supermarkt ist kürzer als ich es aus Bremen gewohnt bin. Luxus. Doch es fühlt sich nicht richtig an. Bin noch nicht angekommen. Es sollte alles doch anders sein. Fertig. Zum Wohlfühlen. Überstürzt packen wir unsere Taschen, fahren eine Stunde Taxi um 10 Kilometer weiter in den Süden zu kommen.  Aus San Isidro wird Surco, aus 2 Mitbewohnerinnen werden unzählig viele. Doch ich fühle mich wohl. Packe aus, komme an.  Offene Arme, große Herzen. Wir sind eine Familie auf Zeit.


Und nun suche ich nach dem richtigen Park. Einem, mit Makierungen. In dem ich in die richtige Richtung laufen kann. Doch hier gibt es zu viele. Und sie sind zu klein, zu eckig. Zu Perfekt. Ich fühle mich verloren. Aber das ist okay. Male das Haus vom Nikolaus, um Zeit zu gewinnen. Laufe zum Meer. Stehe vor den Steilklippen Limas und merke: Ich bin angekommen. 

Mir wird klar, dass ich das ganze hier für mich tu. Schreiben, festhalten. Damit ich mich erinner, damit ich weiß, was ich gefühlt habe. Denn Erinnerungen schwinden, zerfallen zu Staub. Ich hatte so viele Gedanken im Kopf, als ich durch den Park lief. Und habe mir nicht die Zeit genommen, sie festzuhalten. Niederzuschreiben. Ich ärgere mich. Bewusst leben.
(Fotos aus Bolivien – gibt noch keine aus Lima.)