Vom Ankommen. 

Ich bin verwirrt. Worüber schreibe ich als erstes? Ich komme nicht hinterher. Zu viele Gedanken, zu wenig Zeit. Ich schaffe es nicht, sie aufzuschreiben. Zu verarbeiten. Ich sehne mich nach der Kirche, dem Fleckchen Ruhe. Nach der Stille, die ich dort in mir fand. Doch nun sitze ich in meinem Zimmer, in einer 10 Millionen Stadt, die wilder, chaotischer und verrückter nicht sein könnte. Neben mir steht ein Kakao, Nesquick. Doch er schmeckt nicht richtig. Nicht, wie er schmecken sollte.  Ich weiß, dass meine Nichte ihn auch als nicht richtig bezeichnen würde.. Ich vermisse euch.



Mir entfallen Dinge, die ich mir hätte aufschreiben sollen. Ich versuche mich an sie zu erinnern. Doch mir wird bewusst, Erinnerungen sind vergänglich. Schreib alles auf, hatte er gesagt. Und ich war mir sicher, dass ich das machen würde. Konsequent.

 

Ich bin im Park und laufe los. Bin nicht alleine, denn es sind viele Menschen hier unterwegs. Doch ich bin verwirrt. Sie laufen rechts, links. Nebeneinander. Und ich quetsche mich durch die Mitte. Drehe mich im Kreis, laufe im Kreis. Mir wird schwindelig. Und ich verstehe es nicht. Die Stadt hat ihre eigenen Regeln, die ich noch lernen muss. Überall stehen Menschen, mit ihren Handys. Mitten im Park. In der Natur. Doch das Chaos ist da, der Lärm der Autos nicht zu Überhören. Sie hupen wie wild, schneiden sich gegenseitig die Fahrbahn ab. Lauter, schneller, weiter. Und ich suche doch Entschleunigung…  Mir kommen ständig Leute entgegen, muss ausweichen. Mich lächelnd an ihnen vorbei quetschen. Und ich merke plötzlich, ich laufe in die falsche Richtung. Gegen den Strom. Anhalten. Umdrehen, und sich in den Zirkel einordnen. Nun fallen mir auch die Makierungen auf, die auf dem Boden gezeichnet sind. Sie zeigen mit meinen Fortschritt, begleiten jeden meiner Schritte. Ich muss lächeln, und gehöre aufeinmal dazu. Zu den Läufern, den Walkern, den Menschen, die mit ihrem Hund Gassi gehen. Nur die Leute, die einfach herum stehen, ohne sich zu betätigen, die verstehe ich nicht.. Spielen die etwa Pokémon?! (JA, TUN SIE!)

Alle reden über Gut-Health, darüber, dass man sich wohlfühlen soll. Ich wohne hier in einem guten Stadtteil, in einem großen Haus, mit Garten und Palmen. Der Park ist direkt nebenan. Der Weg zum Supermarkt ist kürzer als ich es aus Bremen gewohnt bin. Luxus. Doch es fühlt sich nicht richtig an. Bin noch nicht angekommen. Es sollte alles doch anders sein. Fertig. Zum Wohlfühlen. Überstürzt packen wir unsere Taschen, fahren eine Stunde Taxi um 10 Kilometer weiter in den Süden zu kommen.  Aus San Isidro wird Surco, aus 2 Mitbewohnerinnen werden unzählig viele. Doch ich fühle mich wohl. Packe aus, komme an.  Offene Arme, große Herzen. Wir sind eine Familie auf Zeit.


Und nun suche ich nach dem richtigen Park. Einem, mit Makierungen. In dem ich in die richtige Richtung laufen kann. Doch hier gibt es zu viele. Und sie sind zu klein, zu eckig. Zu Perfekt. Ich fühle mich verloren. Aber das ist okay. Male das Haus vom Nikolaus, um Zeit zu gewinnen. Laufe zum Meer. Stehe vor den Steilklippen Limas und merke: Ich bin angekommen. 

Mir wird klar, dass ich das ganze hier für mich tu. Schreiben, festhalten. Damit ich mich erinner, damit ich weiß, was ich gefühlt habe. Denn Erinnerungen schwinden, zerfallen zu Staub. Ich hatte so viele Gedanken im Kopf, als ich durch den Park lief. Und habe mir nicht die Zeit genommen, sie festzuhalten. Niederzuschreiben. Ich ärgere mich. Bewusst leben. 
(Fotos aus Bolivien – gibt noch keine aus Lima.) 

Schreibe einen Kommentar

*