Ein Tag im Centro de Lima… 

Ich erzähle von meinem Neffen. Wie ich ihn damals, als er noch kleiner war, vom Kindergarten abholte und er mich aus versehen Mama nannte. Dann meinte er mit einem Grinsen im Gesicht, das wäre ja kein Problem, das könne er doch tun. Ich erinnere mich an Emmi, die mit mir im Urlaub – vor Freude strahlend – ins Meer rannte, Hand in Hand. Und als das kalte Wasser an unseren Beinen hoch spritze, lachten und kreischten wir umso mehr. Und ich erzähle von meinem Baby, wie es in meinen Armen schläft, während die Spieluhr die ich ihm schenkte leise vor sich hinsummt.  Uns geht es gut. 



Während wir durch die Straßen von Lima laufen, und weiter in Erinnerungen schwelgen und Gedanken austauschen, fällt mir eine Frau mit ihren drei Kindern auf. Sie sitzen auf der Straße, angelehnt in eine Hauswand die so aussieht, als könnte sie dem Druck nicht mehr lange stand halten. Einer der kleinen Jungs läuft auf und ab, hin und her. Er schaut mich an, doch sein Blick wirkt triste. Leer. Ich frage mich, was in seinem Kopf wohl vorgeht. Ob er eine Tante hat, die mit ihm ins Meer läuft. Die Sekunden wirken wie Minuten, in denen er meinem Blick stand hält. Sein Bruder sitzt neben ihm auf dem Boden, und isst Reis und Hühnchen aus einer Plastikschale. Das Essen sieht trocken aus, und ist viel zu wenig, um alle satt zu kriegen. Und während ich den Blick schweifen lasse, bilde ich mir fast ein, die knurrenden Mägen zu hören. 

Ja aber Tante Pu, dann machen wir das einfach so, dass wir das Auto von Oma nehmen, und einkaufen fahren. Dann können wir leckere Milchshakes machen. Und einen Kuchen backen. Okay Tante Pu? Höre ich meinen Neffen sagen. Und er grinst mich an, weil er meine Antwort kennt. Denn bei mir, da dürfen sie fast alles. Schließlich bin ich Tante, und dazu sind Tanten da. Verwöhnen. Tanten machen die coolen Dinge mit einem, zu denen Papa und Mama nein sagen würden. Also springen wir ins Auto und fahren los. Warum? Warum nicht. 



Der Sommer schleicht sich in din Gassen von Lima. Überall sind Leute unterwegs, deren Kleidung im Vergleich zu vor ein paar Monaten kürzer geworden ist. Flipflops werden ausgepackt. Kurze Röcke. Shirts. Doch die Flipflops des kleinen Jungen zerfallen fast. Seine Füße sind schmutzig. Espera.. espera.. sage ich leise und wie weggetreten, doch meine Freundin hört mich sofort. Während ich mit meiner schweren Kamera, die mir um den Hals hängt, kämpfe – um mein Portemonnaie zu finden – hat sie sich umgedreht und sieht was ich vorhabe. Ich krame alles an Kleingeld raus, was ich finden kann, und lege es in die suchende Hand der Frau. Ein Lächeln zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab, und ihre Lippen formen die Worte gracias.. doch ich weiß gar nicht, ob sie mich so richtig wahr nimmt. Zu müde wirkt ihr Körper. Meine Freundin hält ihre Frucht, die wir kurz vorher gekauft haben, dem kleinen Jungen hin. Cómelo. Der Kleine schaut sie mit großen Augen an und greift zögerlich nach der Chirimoya. Schnell steckt er sie sich in den Mund. 


Ich kaufe mir fast jeden Morgen Mangos. Sie sind so günstig hier, da kann man in Deutschland nur von träumen. Keinen Euro zahle ich für ein Kilogramm. Und oft mache ich mir einen Obstsalat, mit Bananen, Pfirsichen und Erdbeeren. Gesund, und viel zu lecker… Wie gerne würde ich los, und der Familie ein paar Früchte kaufen. Ich habe der Frau vielleicht nur einen Euro in die Hand gelegt. Und weiß, es ist nicht genug. Und dabei sind Früchte so günstig hier.. eine Banane kostet manchmal 6 Cent.... 



Wir gehen weiter, reden über belangloses. Strecken den Kopf Richtung Himmel um die Sonne zu genießen, ihre Strahlen kitzeln auf unserer Haut. Vor ein paar Tagen standen wir zusammen im Bus, der sich den Weg vom einen ins andere Ende der großen, chaotischen Stadt bahnte. Wir wollten zum Strand. Surfen. Sonne. Ich erzählte ihr, dass ich nur noch 2 Wochen in Lima habe und plötzlich anfange, mich wohl zu fühlen. Aber dass es mir nicht reicht. Ich wohne in einem Haus, wo ein fetter BMW vor der Tür steht. Meine Mitbewohner sind Piloten. Laufen betrunken durch den Supermarkt und laden uns ein. Auf was auch immer wir wollen. Dann schaue ich sie an, und frage, wie sie aufgewachsen ist. Wie ihre Familie lebt. Was Familie hier bedeutet. Während der Lärm um uns herum lauter wird, und das Chaos im vollen Gange ist, gebe ich zu, dass ich mich hier oft fehl am Platz fühle. Denn ich lebe in einer Welt, die wie die Westliche wirkt. Und verbringe Zeit in Stadtteilen, die es so in Europa geben könnte. So fortschrittlich und entwickelt. Doch ich bin nicht nach Lima gekommen, mit dem Plan, hier zu leben, als wäre ich eine Requisite in einem Theaterstück, das zur Dekoration dient, und eigentlich so gar nicht dort hinein passt. Ich will Lima erleben. Nicht Miraflores oder Barranco. Nicht La Molina. Sondern das wahre Lima. Wie es sich anfühlt. Authentisch. Sie lächelt mich an, und ich merke, sie versteht, was ich probiere zu erklären. In einem Spanisch, das viel zu schlecht ist. Und so schmieden wir Pläne, denn wir merken, wir haben mehr gemeinsam als wir dachten. 


Während wir unser Projekt am Strand mit einer Runde Yoga bei Sonnenuntergang ausklingen lassen, merke ich, dass mir die Zeit davon rennt. Ein Woche noch. Ich bin nicht bereit, zu gehen. Doch mir wird wieder bewusst, dass Dinge, die endlich sind, die besonderen sind. 



Ich bin inspiriert. Von dir. Von euch. Und möchte darüber schreiben, es fotografieren und festhalten. Mitteilen, dass die Welt nicht rosig ist. Und dabei helfen, dass wir es schätzen, was wir haben. 









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